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Nahtod-Erfahrung
 
Über eine Erfahrung an der Grenze zwischen zwei Leben
 
von Albert Biesinger
 
 
Im folgenden Beitrag geht der bekannte Theologe und Religionspädagoge Albert Biesinger auf eine Nahtod-Erfahrung ein, die er im Jahr 2010 erleben durfte und die sein Leben und seinen Glauben verändert hat.

Gott habe ich nicht „gesehen“. Aber ich war in einem Bewusstseinszustand, in dem mir eine Stimme wortwörtlich sagte: „Jetzt ist es soweit, jetzt bist du ja gleich im Himmel. Daraufhin hast du doch so oft gepredigt.“ Ich kann dies bis heute auswendig aufsagen.

Es war wie eine Attacke, aber eine positive Attacke. Zuvor saß ich in dieser Nahtod-Erfahrung auf einem Stuhl. Zu mir hin drehte sich eine Radwalze, die links und rechts eingehängt war. Ich versuchte unter großen Anstrengungen mit meinen Händen dagegenzudrehen.

Ich schwitzte immer mehr, war total erschöpft: Ich konnte nicht mehr. Dies ging eine Zeit lang so. Plötzlich entstand ein geradezu explosives Glück. Ich verlor den Kontakt zu meinem Körper. Mein Körper spielte keine Rolle mehr. Es war nur noch dieses explosive Glück. Noch ein Millimeter, dann siehst du gleich Gott. Ich war neugierig wie ein kleiner Junge, ganz erregt: Jetzt kommt’s gleich. Gott wolltest du doch schon immer mal so richtig sehen. Und ich stand lange - sehr lange - direkt an dieser Grenze. Plötzlich sagte dann eine Stimme zu mir: „Schade um deine Frau.“ Dann musste ich mich wieder in meinen damals todesnahen Körper zurückarbeiten.

Was war passiert?

Seit langem wollte ich meinen Leistenbruch operieren lassen. Auf dem Rückweg von der lateinamerikanischen Generalversammlung in Aparecida - wo ich als „Journalist“ war - in jener Nacht im Flugzeug von São Paulo nach Frankfurt bemerkte ich deutliche Beschwerden. Und ich habe noch einige Jahre gewartet, bis ich mich operieren ließ. Der Arzt sagte, dann machen wir das unkomplizierte Blasendivertikel auch gleich mit, wenn wir schon operieren.

Am Lehrstuhl verabschiedete ich mich von unserem Team: Ich bin jetzt eine Woche weg. Ich lasse mich reparieren. Nächsten Montag komme ich wieder. Fast drei Monate später kam ich erst wieder: Bei der Operation ging einiges so schief, dass ich nach drei Tagen in der Nacht als Notfall auf die Intensivstation des Gesamtklinikums gebracht wurde. Noch habe ich vor mir, wie ich liegend die Decke und die Flure und die sich öffnende Tür zur Intensivstation anschaue.

Und dann brach mein Bewusstsein ab, ich wurde elf Tage in ein künstliches Koma versetzt. Und in dieser Phase - ich war an viele Überlebensschläuche angeschlossen - dies habe ich dann gesehen, als sie mich wieder zurückgeholt haben.

Ein Gottesbeweis ist meine Nahtod-Erfahrung nicht

Gott habe ich nicht anders als bisher gesehen. Aber was sich völlig verändert hat: In diesen Sog des nach vorne ziehenden großen Glückes zu geraten, ist ein außerordentlicher Bewusstseinszustand, den ich bisher noch nie erlebt hatte und nur aus Büchern kannte. Als Theologe bin ich aus Gründen der eigenen theologischen Selbstkritik sehr vorsichtig, solche Bewusstseinszustände zu sehr hochzuspielen, etwa um mit Menschen, die nicht an ein Leben nach dem Tode glauben, besser argumentieren zu können. Ein Gottesbeweis sind Nahtod-Erfahrungen nicht. Und dennoch: Diese Erfahrung hat mich komplett irritiert, meine Selbst-Wahrnehmung von Leben und Sterben auf den Kopf gestellt. Meine Angst vor dem Tod ist komplett verschwunden, hat sich einfach verflüchtigt.

Immerhin habe ich an der Schwelle des Todes gestanden. Ich hatte mich schon gelöst von meinem malträtierten Körper - Darmlähmung, Magensaft in die Lunge, aspirative Pneumonie, septischer Schock. Es entstand ein Gefühl der Trauer, als ich wieder in diesen todkranken Körper zurückkehren musste. Heute bin ich gesundheitlich bestens dran - viel besser als vor dieser Nahtod-Erfahrung. Erfahrene Mediziner haben mir bei Kongressen gesagt, dass dies bei Nahtod-Erfahrenen oft der Fall ist. Der Körper bäumte sich auf, entwickelt neue Kräfte, auch Abwehrkräfte und entscheidet sich, weiterzuleben.

Aus Gesprächen mit einer Psychotherapeutin, die sich auf die Therapie von nahtoderfahrenen Menschen spezialisiert hat, weiß ich, dass es genug Menschen gibt, die hier nicht mehr richtig ankommen nach ihrer Nahtod-Erfahrung. Sie verbleiben in der „Halleluja- Ebene“. Was hier auf der Welt wichtig ist, wird für sie unwichtig. Manche können auch nicht mehr in ihren Beruf zurückkehren. Da habe ich „Glück“ gehabt. Während einer kompetenten Reha ging es steil aufwärts. Als mir nach zwei Jahren eine Nachuntersuchung empfohlen wurde und ich just auf jenen Arzt in der MRT-Abteilung stieß, der in jener Nacht meines Überlebenskampfes ebenfalls die Untersuchung geleitet hatte, fragte mich dieser erstaunt: „Sind Sie dieser Herr Biesinger? Ich war damals dabei, als wir in der Aufnahme gesehen haben, wie das Kontrastmittel in ihren Bauchraum ausgelaufen ist.“ Große Freude bei ihm und erneute Überraschung bei mir …

Theologisch reflektiert, gehe ich davon aus, dass offensichtlich meine Aufgabe auf dieser Welt in jenem März 2010 noch nicht zu Ende gebracht war. Ich deswegen auch zurückzukehren hatte. Der Auftrag der Stimme: „Schade um deine Frau“ ist von mir als Aufgabe verstanden bis heute - natürlich nicht nur für meine Frau, sondern auch für andere Menschen.

Einer meiner damaligen Studierenden in der Vorlesung, in der ich nach meiner Rückkunft aus der Reha den Studierenden offengelegt habe, was mit mir passiert war, war schon Journalist. Er hat sofort darüber berichtet - damit entstand eine Dynamik medialer Kommunikation.

Zunächst war ich skeptisch, ob ich in den Medien überhaupt so offen über eine so intime spirituelle Situation reden soll. Aber nach den ersten Reaktionen von zum Teil mir ganz fremden Menschen, die mich oft sogar auf der Straße angesprochen haben, bin ich überzeugt, dass es richtig war, offen zu reden.

Bewusstseinsforschung ist ohne Gehirnforschung nicht denkbar

Natürlich habe ich reflektiert, dass sich ja alles (noch) in meinem Gehirn abspielte. Sauerstoffmangel, „Botenstoffe“, chemische Prozesse verschiedenster Art können solche „Halluzinationen“ auslösen. Gibt es nach dem körperlichen Tod eben doch weiterbestehendes Bewusstsein? Was ist mir in dem sich abzeichnenden Sterbeprozess wirklich widerfahren? Dass alles über mein Gehirn lief, ist logisch. Ich könnte heute darüber ja doch sonst nicht berichten. Sterben ist für das Gehirn ein Feuerwerk an Herausforderung.

Aber warum gerade solche Bilder ?

Ein noch jüngerer Mann sagte: „Ich habe dies auch schon erlebt. Aber ich getraue mich nicht, mit meiner Frau darüber zu sprechen, weil sie sonst denkt, ich gehöre in die Psychiatrie“. Eine Frau: „Meine Mutter hat mir etwas ganz Ähnliches erzählt, und ich habe ihr nicht geglaubt. Es ist gut, dass mal ein Theologieprofessor offen darüber redet.“

Darüber zu schweigen, würde ich heute nach diesen vielen, vielen Gesprächen und Rückmeldungen und auch kritischen Anfragen von besorgten Menschen für falsch halten. Immerhin geht es im Kern unseres christlichen Glaubens um Sterben, Tod und Auferweckung. Und es geht auch darum, genau diese Lebensprozesse nicht zu tabuisieren, sondern sie möglichst transparent - hoch sensibel zwar -, aber doch authentisch zu kommunizieren.

In der Zwischenzeit habe ich oft am Bett von Sterbenden gesessen. Ich habe - wenn es stimmig war - davon erzählt: Warte ab, bald wirst du ein großes Licht sehen. Und das, was du gerade erlebst, wird nicht mehr bedeutsam sein. Eine Frau Mitte 50 bat mich, zu ihr zu kommen und mit ihr über ihre Beerdigung zu sprechen, die ich doch leiten sollte. Auch für sie war es hilfreich, dass ich authentisch von innen heraus mit ihr über meine Nahtod- Erfahrung sprechen konnte. Ihr überraschter lächelnder Blick hat sich mir tief eingeprägt. Wenig später habe ich ihre Beerdigungsliturgie geleitet und gepredigt. Ich war mir ganz sicher, dass sie in der Zwischenzeit ihre ganz eigene Erfahrung machen konnte.

Für die spirituelle Begleitung in Krankheit, Sterben und Todesphasen will ich diese Erfahrungen nicht ausgrenzen. Aber es ist eben auch nicht sinnvoll, sie Menschen „aufzudrücken“. Stimmig darüber zu kommunizieren ist auf jeden Fall sinnvoll.

Indem ich diese konkrete Nahtod- Erfahrung mit meinem Glau- ben an die Auferweckung aus dem Tod in Verbindung bringe, stelle ich mir aufgrund dieses Bewusstseinszustandes vor, dass Gott mich ruft, diesen meinen dann endgültig nicht mehr funktionierenden und physiologisch nicht mehr organisierbaren Körper zu verlassen und nach vorne weiterzugehen. Gott wird mir mit diesem Sog des großen Glückes entgegenkommen. Dies ist aufgrund dieser Erfahrung umso mehr meine Hoffnung.

Aber diese Begegnung mit Gott jenseits dieser Grenze - vor der ich ja in diesem Bewusstseinszustand millimeterweise gestanden bin - ist mir bis heute nicht zugänglich. Und von daher gesehen darf man diese Erfahrung auch nicht überstrapazieren. Gott ist Gott - er wird mir auf seine Weise begegnen.

Und es kann auch sein, dass ich dann mit ihm auch noch ganz andere und komplexere Erfahrungen mache als in diesem großen Sog explodierenden Glückes. Das Gericht Gottes habe ich ja auch noch nicht erlebt … Umgekehrt kann es sein, dass es genau das ist: ewiges Leben, ewiges Licht leuchte dir, Paradies. Möglicherweise ist dieser Bewusstseinszustand, den ich - heute bin ich dankbar für diese Erfahrung - erleben konnte, ein Hinweis für das, was uns bevorsteht, wenn wir diesen dann sterbenden und am Schluss toten Körper verlassen und uns in die Arme Gottes fallen lassen.

Begleitung von Sterbenden

Für die Begleitung von Sterbenden ist die Auseinandersetzung mit nahtoderfahrenen Menschen meines Erachtens sehr wichtig. Man findet in jeder Gemeinde Menschen, die so etwas schon erlebt haben; und möglicherweise sind sie auch glaubhafte Zeugen dafür, dass Sterben nicht die große Katastrophe ist, sondern dass wir im Sterben neues, ewiges Leben im Sog des großen Glückes Gottes gewinnen. Vor einigen Jahren war ich mit dem Mönch und heutigen Bischof Pater Maximos mehrere Tage auf dem Berg Athos. Wir wollten die dort gehütete Tradition des „Jesusgebetes“ intensiver verstehen lernen und Anleitung von einem erfahrenen Mönch bekommen. Dies wurde zu einer tiefgreifenden Erfahrung. Am letzten Abend konnten wir kurz mit dem Abt des Klosters sprechen. Er war schon sehr alt. Er sagte uns: „Meine Schwangerschaft hier auf dieser Erde für das ewige Leben ist bald vorbei. Bald werde ich bei Gott sein.“

Wenn Sterben und Tod als „Schwangerschaft für das ewige Leben“ zu verstehen ist, dann war ich mit dieser meiner Nahtod-Erfahrung schon in einer späten Phase meiner eigenen Schwangerschaft für das ewige Leben. Ich bin hoch gespannt, wie es dann in der endgültigen Stunde X sein wird, wenn der Weg über diese Grenze, wenn der Sog in das große Glück nicht gestoppt wird, sondern ich die Erfahrung des Psalmisten machen kann: „Als es mir eng wurde, hast du es mir weit gemacht.“

Die Begleitung von Nahtod-Erfahrenen ist eine Herausforderung. Sie sind in einer speziellen Situation - manche isoliert, manche fühlen sich als etwas Besonderes, manche sind für Gott neu erschlossen. Die seriöse Literatur - es gibt auch genug Publikationen, die mich nicht überzeugen - weist darauf hin, dass es viele Tausende von Menschen sind, die Nahtod-Erfahrungen machen. Besonders sei hier auf Pim van Lommel verwiesen. Er ist einer der seriösesten Mediziner (Kardiologe), die sich kompetent mit Nahtod- Erfahrungen auseinandergesetzt haben und weiter an diesem Thema arbeiten.

Es ist immer wieder zu Recht gefragt worden, warum die kirchliche Verkündigung die Frage nach dem konkreten Übergang in Sterben und Tod und die Frage, was danach zu erwarten ist, nicht genügend in den Blick nehme. Seit ich die Nahtod- Erfahrung gemacht habe, will ich dieses explosive Glück unbedingt wieder erleben. Deswegen hat für mich auch der Tod seinen Schrecken verloren. Den Prozess des Sterbens will und kann ich aber gerade nicht verniedlichen. Sterben kann sehr schwer sein. Zu oft bin ich an der Seite von Menschen, die im Sterben waren und deren letzte Atemzüge ich direkt miterlebt habe. Kurz zuvor oft ein Lächeln ...

Der Übergang ins Paradies

Paradiesvorstellungen - gerade wenn man sie nicht niedlich kaschiert und damit auch entwertet - sind ein Kern und Goldstück unserer Verkündigung. Christen reden oft darüber, wie schön es im Paradies ist - aber keiner will hin. Die uns gegebene Lebenszeit intensiv zu leben - im auf und ab - ist die eine Aufgabe. Unser Leben aber wieder dem zurückzugeben, von dem es herkommt, ist Gabe und Aufgabe zugleich. Ich jedenfalls will dieses große Glück, dass mir bereits begegnet ist - hoffentlich - wieder und dann für immer erleben.
 
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